Statistik Austria

12/01/2020 | Press release | Distributed by Public on 12/01/2020 02:04

'Wie geht's Österreich?': Lebenszufriedenheit im Jahr 2019 weiter hoch, deutlich wachsender Wohlstand, aber auch erhöhte Emissionen und Ressourcenverbrauch – nun wirkt sich[...]

Pressemitteilung: 12.384-224/20

Wien,2020-12-01 - 'Wie geht's Österreich' in Sachen materieller Wohlstand, Lebensqualität und Umwelt? In der Studie von Statistik Austria bewertet ein unabhängiges wissenschaftliches Expertinnen- und Expertengremium jährlich die Entwicklung von 31 Schlüsselindikatoren in Österreich. Ein Großteil der Indikatoren des materiellen Wohlstandswurde für die vergangenen drei Jahre sehr positiv oder positiv bewertet: So sind 2019 das Bruttoinlandsprodukt (+1,0% pro Kopf, real), das Einkommen (+1,0% pro Kopf, real) und der Konsum (+0,7% pro Kopf, real) gestiegen, ebenso wie die Erwerbstätigenquote, die sich von 76,2% auf 76,8% erhöhte. Im Bereich Lebensqualitätgibt es kurzfristig keine negative Bewertung. Die subjektive Lebenszufriedenheit lag weiterhin auf einem sehr hohen Niveau, der Anteil der Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten war im EU-Vergleich gering und ist weiter gesunken. Wesentlich heterogener und auch kritischer wurden die Indikatoren im Umweltbereichvom Gremium der Expertinnen und Experten beurteilt. Der hohe Ressourcen- und Energieverbrauch sowie ansteigende Treibhausgasemissionen (2019: +1,8% vorläufig) werden weiterhin als problematisch erachtet. Lichtblicke im Umweltbereich sind die Zunahme der Bio-Flächen (Indikator entwickelt sich sehr positiv) sowie der Rückgang der Feinstaubexposition (Indikator entwickelt sich positiv).

Ausgehend von der Betrachtung des Jahres 2019 bietet der Bericht auch einen ersten Ausblick auf Folgen der Corona-Krise, die negativ auf die Indikatoren in den Bereichen Wohlstand und Lebensqualität sowie positiv auf zumindest manche der Umweltindikatoren wirkt.

'Die Corona-Krise hat Österreich hart getroffen mit gesundheitlichen Folgen, dem größten Wirtschaftseinbruch seit dem zweiten Weltkrieg und massiven Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens. Dabei stand Österreich vor der Krise, was den Wohlstand und die Lebensqualität angeht, exzellent da. Neben der Eindämmung der Pandemie und der Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Folgen gilt es aber auch weitere Herausforderungen zu meistern, vor denen Österreich bereits vor der Krise stand - etwa den nachhaltigen Schutz von Klima und Umwelt sowie die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die sozialen Sicherungssysteme', sagt Statistik-Austria-Generaldirektor Tobias Thomas.

'Zwar hat das Bruttoinlandsprodukt den Vorteil, dass es äußert komprimiert und international standardisiert ist, aber es erzählt eben immer nur einen Teil der Geschichte. Je breiter wir den ökonomischen, sozialen und ökologischen Zustand unserer Gesellschaft vermessen, desto besser. Als Mitglied des Expertinnen- und Expertengremiums möchte ich daher besonders den gelungenen integrativen und ganzheitlichen Ansatz der Studienreihe unterstreichen', so WIFO-Leiter Christoph Badelt.

Materieller Wohlstand: BIP pro Kopf 2019 weiter gewachsen, Arbeitslosigkeit gesunken; Auswirkungen der Corona-Krise im 1. Halbjahr 2020 bereits deutlich sichtbar

2019 stieg die reale Wirtschaftsleistung pro Kopf in Österreich um 1,0% (EU-28: +1,2%). Im EU-Vergleich liegt Österreich beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Kaufkraftstandards (KKS) an fünfter Stelle. Der reale Konsum pro Kopf stieg 2019 um 0,7% (inkl. sozialer Sachtransfers und Non-Profit-Organisationen). Die realen verfügbaren Haushaltseinkommen pro Kopf nahmen um 1,0% zu, wobei sich die Ungleichheit - gemessen am Abstand zwischen hohen und niedrigen Einkommen - etwas verringerte.

Die Erwerbstätigenquote erreichte für 2019 76,8% (EU-28: 73,9%). Die Arbeitslosenquote nach internationaler Definition ging im Jahr 2019 weiter zurück auf 4,5%. Im EU-Vergleich liegt Österreich damit an elfter Stelle (EU-28: 6,3%). Die Expertinnen und Experten sehen das Niveau der Arbeitslosenquote allerdings nach wie vor als zu hoch an.

Der öffentliche Schuldenstand belief sich in Österreich Ende 2019 auf 280,3 Mrd. Euro bzw. 70,5% des BIP. Damit liegt die Staatsverschuldung um 5,0 Mrd. Euro unter dem Vorjahreswert, die Schuldenquote (Verhältnis der Staatsschulden zum BIP) verringerte sich gleichzeitig um 3,5 Prozentpunkte, lag aber noch immer deutlich über dem Maastricht-Kriterium von 60%.

Die Auswirkungen der Corona-Kriseauf die wirtschaftliche Entwicklung zeichnen sich bereits in den ersten drei Quartalen 2020 deutlich ab: Nach einem leichten Rückgang des BIP pro Kopf im 1. Quartal 2020 (⎼2,5% zum Vorquartal) brach die Wirtschaftsleistung im 2. Quartal ein (⎼12,1% zum Vorquartal bzw. ⎼14,3% zum Vorjahresquartal). Im 3. Quartal 2020 lag das BIP noch immer 4,0% unter dem Vorjahresniveau, und auch der erneute Lockdown im 4. Quartal wird tiefgreifende wirtschaftliche Folgen haben. Dabei zeigte sich im 2. Quartal ein starker Rückgang des privaten Konsums von 12,6% im Vergleich zum Vorquartal bzw. von 16,1% zum Vorjahresquartal (vorranging aufgrund der Einschränkungen im Freizeitbereich, wie etwa bei Gastronomie und Kultur). Im 3. Quartal gab es einen Rückgang des Konsums der privaten Haushalte (real) von 5,1% zum Vorjahresquartal. Im 2. Quartal 2020 waren nach internationaler Definition um 129.200 bzw. 3,0% weniger Personen erwerbstätig als im Jahr zuvor, die Arbeitslosenquote lag bei 5,7% und stieg damit im Vergleich mit dem Vorjahresquartal um 1,2 Prozentpunkte. Die Schuldenquote - das Verhältnis der Staatsschulden zum BIP - stieg im 1. Halbjahr 2020 auf 82,6% (Ende 2019: 70,5% des BIP).

Lebensqualität: Zufriedenheit 2019 weiter hoch; vielfältige Auswirkungen der COVID-19-Krise zu erwarten

Die allgemeine Lebenszufriedenheit lag 2019 in Österreich auf hohem Niveau: Auf einer Skala von 0 (überhaupt nicht zufrieden) bis 10 (vollkommen zufrieden) erreichte die durchschnittliche Lebenszufriedenheit 2019 den Wert 8,0 (EU-28 für 2018: 7,3). Nur 8,7% der befragten Personen bewerteten ihre Lebenszufriedenheit als gering (5 oder weniger), wobei dieser Anteil im Vergleich zum Vorjahr (9,8%) weiter gesunken ist. 40,0% gaben eine hohe Lebenszufriedenheit an (2018: 39,7%).

Der Anteil der armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Bevölkerung, der sich in verschiedenem Maße aus relativer und absoluter Armut sowie geringer Erwerbsbeteiligung zusammensetzt, reduzierte sich von 20,6% im Jahr 2008 auf 16,9% im Jahr 2019. Österreich liegt damit im EU-Ländervergleich im besten Drittel und deutlich unter dem EU-28-Durchschnitt von 21,4%. Bei der absoluten Armut - der erheblichen materiellen Deprivation - sank der Anteil der Bevölkerung, der sich regelmäßige oder größere Anschaffungen nicht leisten kann, von 2008 bis 2019 um mehr als die Hälfte, nämlich von 5,9% auf 2,6%.

71,3% der Bevölkerung gaben darüber hinaus einen guten oder sehr guten Gesundheitszustand an, hier zeigt sich wenig Veränderung über die Jahre. Der EU-28-Durchschnittswert lag 2019 mit 69,3% etwas niedriger.

Auf die Lebensqualität wirkt sich die Corona-Krisein vielerlei Hinsicht aus: So haben im Rahmen der EU-SILC-Befragung 2020 beispielsweise 21% der Befragten angegeben, dass ihr Haushaltseinkommen während der vergangenen zwölf Monate weniger geworden ist, 2019 waren es nur 13%. Beim Aspekt der Gesundheit sind einerseits die unmittelbaren Folgen der Pandemie durch Krankheit und Todesfälle wie auch indirekte Effekte, etwa durch vermiedene oder verschobene Behandlungen und Operationen, zu beachten. Die längerfristigen Auswirkungen werden sich noch zeigen, ebenso wie die Auswirkungen von Homeschooling und eingeschränktem Präsenzunterricht im Bildungsbereich.

Umwelt: Ressourcen- und Energieverbrauch 2019 weiterhin zu hoch, Treibhausgasemissionen steigen; Corona-Krise wirkt 2020 emissionsmindernd

Im Umweltbereich bewertet das externe Gremium unabhängiger wissenschaftlicher Expertinnen und Experten die Schlüsselindikatoren wesentlich heterogener und auch kritischer. So stiegen die Treibhausgasemissionen 2019 laut vorläufigen Daten um 1,8% an, im EU-Vergleich pro Kopf lag Österreich bei den nationalen Emissionen 2018 an 18. Stelle. Der inländische Materialverbrauch blieb in den vergangenen Jahren konstant, war aber 2019 laut einer Schätzung von Eurostat mit 19,5 Tonnen (t) pro Kopf dennoch hoch (EU-28: 13,4 t). Der energetische Endverbrauch wuchs von 2000 bis 2019 um rund 22% (EU-28-0,4% bis 2018).

Für den Verkehr zeigen sich vorwiegend negative Entwicklungen: Der Energieverbrauch des Verkehrs erhöhte sich 2019 um rund 2% und die Treibhausgasemissionen des Verkehrs stiegen im selben Zeitraum um 1,3% (vorläufiger Wert). Im internationalen Vergleich ist die Zunahme des verkehrsbedingten Energieverbrauchs in Österreich mit 36,8% im Zeitraum 2000 bis 2018 (letztverfügbares Jahr der internationalen Daten) sehr hoch (EU-28-Durchschnitt: 7,7%).

Lichtblicke gab es im Umweltbereich 2019 beim Anteil der Bio-Flächen an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche (ohne Almen), der sich seit 2000 (11,5%) mehr als verdoppelt hat und im Jahr 2019 bei 24,7% lag (EU-Durchschnitt 2018: 7,5%). Zudem sanken die Emissionen von Feinstaub (PM2,5).

Einige Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virusdürften sich positiv auf die Umwelt auswirken: So verringert sich etwa der Ausstoß von Schadstoffen, u. a. aufgrund des geringeren Verkehrsaufkommens während der Lockdowns. Für Österreich schätzte das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) im Mai 2020, dass die Maßnahmen zur Begrenzung der Ausbreitung von COVID-19 zu einer Abnahme der Treibhausgasemissionen von 7,1% für das Jahr 2020 führen könnten. Zudem zeigen erste Ergebnisse aus der Güterverkehrsstatistik, dass das Transportaufkommen österreichischer Unternehmen im Straßengüterverkehr im 2. Quartal 2020 um 14,6% unter dem Wert des Vorjahresquartals lag, was mit reduziertem Energieverbrauch und Emissionen einhergeht.

Detaillierte Ergebnisse bzw. weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Webseite sowie in der Publikation 'Wie geht's Österreich?' 2020. Das Online-Pressegespräch vom 1. Dezember 2020 ist als Live-Stream verfügbar, danach wird eine Aufzeichnung des Pressegesprächs auf Youtube zur Verfügung stehen. Die Präsentation zum Pressegespräch ist als PDF (ca. 1,5 MB) verfügbar.

Methodische Informationen, Definitionen:Statistik Austria setzte 2012 bei der Zusammenstellung des Indikatorensets die Empfehlungen der 'Sponsorship Group on Measuring Progress, Well-being and Sustainable Development' entsprechend der nationalen statistischen Datenlage weitgehend um. Weitere definierte Zielindikatoren auf EU-Ebene (z. B. Europa-2020-Indikatoren) und UN-Ebene sowie nationale Initiativen flossen ebenfalls in die ursprüngliche Auswahl ein. Bei der Erstellung der Indikatoren wird auf offizielle Datenquellen zurückgegriffen. Seither wird das Indikatorenset in einem breiten Kommunikationsprozess mit wissenschaftlichen Expertinnen und Experten sowie Vertreterinnen und Vertretern von Interessensvertretungen und Ministerien weiterentwickelt.
Das Indikatorenset beinhaltet neben dem BIP 30 Schlüsselindikatoren, die die zentralen Maßzahlen der jeweiligen Dimensionen von 'Wie geht's Österreich?' darstellen. Die Bewertung der Schlüsselindikatoren erfolgt durch ein Gremium unabhängiger wissenschaftlicher Expertinnen und Experten anhand einer fünfteiligen Skala. Gegenstand der Bewertung sind die kurzfristigen (letzte drei Jahre) und langfristigen Entwicklungen des jeweiligen Indikators (ab Beginn der Zeitreihe, zumindest zehn Jahre) sowie das Niveau.
Das Gremium unabhängiger wissenschaftlicher Expertinnen und Experten setzt sich wie folgt zusammen: em.o.Univ.-Prof. Dr. Christoph Badelt (WIFO), Univ.-Prof. Dr. Jesus Crespo Cuaresma (WU Wien), Univ.-Prof. Dr. Alexia Fürnkranz-Prskawetz (TU Wien), Univ.-Prof. Dr. Sabine Theresia Köszegi (TU Wien), Univ.-Prof. Dr. Nadia Steiber (Universität Wien & IHS), Univ.-Prof. Dr. Karl W. Steininger (Universität Graz), Univ.-Prof. Dr. Hannelore Weck-Hannemann (Universität Innsbruck) und Univ.-Prof. Dr. Rudolf Winter-Ebmer (Universität Linz & IHS).

Rückfragen zum Thema beantwortet in der Direktion Bevölkerung, Statistik Austria:
Mag. Alexandra WEGSCHEIDER-PICHLER, Tel.: +43 1 71128-7838
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